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Übersicht > Medien > Bücher > Der Professor Charlotte Brontë

    >> Vor- und Nachteile / Bewertung
Vorteile:
Romantik, schöne Sprache

Nachteile:
viele Vorurteile, Schablonen




Ein Lehrer als idealer Ehemann?
Bericht wurde 897 mal gelesen Produktbewertung:  gut
Bericht wurde 2 mal kommentiert Berichtbewertung: 

••• Schüler und Lehrer, was hat sich geändert? ••• *gg*

Passend zu den endlosen Diskussionen über PISA-Studie und Konsequenzen diesmal
zu Beginn eine leicht abgeänderte Leseprobe, Klammern von mir zum besseren Verständnis eingefügt, die Punkte ... um nicht zu viel zu verraten. *gg* :

"Es erforderte keine sonderlich genaue Beobachtung, den Charakter der Jugendlichen aus... herauszufinden, aber es bedurfte eines gewissen Feingefühls, die eigenen Maßnahmen (des Lehrers) ihren Fähigkeiten anzupassen.

Ihr (das der Schüler) intellektuelles Vermögen war im allgemeinen schwach, ihre körperlichen Bedürfnisse ausgeprägt. So lagen zur selben Zeit Unfähigkeit und eine Art von schwerfälliger Kraft in ihrer Natur; sie waren schwer von Begriff, aber sie waren auch einzigartig dickköpfig, schwer wie Blei und, genau wie Blei, höchst schwierig zu bewegen.
So wie der Fall lag, wäre es wahrscheinlich absurd gewesen, von ihnen große geistige Anstrengungen erzwingen zu wollen.

Da sie nur über ein kurzes Gedächtnis, beschränkte Intelligenz und schwaches Denkvermögen verfügten, erschreckten sie mit Schaudern vor jeder Tätigkeit zurück, die genaues Studium oder tieferes Nachdenken erforderte. Wäre die verhasste Leistung durch unüberlegte und willkürliche Maßnahmen seitens des Lehrers aus ihnen herausgepresst worden, hätten sie wie eine halsstarrige, quiekende, verzweifelte Herde von Schweinen reagiert: obschon als einzelne nicht tapfer, so doch unbarmherzig in ihrem Treiben in der Klassengruppe.

Ich erfuhr, dass vor meinem Eintreffen in... der vereinte Ungehorsam der Schüler die Entlassung von mehr als einem ...Lehrer bewirkt hatte."

Gut, die Formulierungen zur Beschreibung der Schüler und des Lehrers sind bei aller drastischen Deutlichkeit doch zu bildhaft und poetisch, als dass sie unmittelbar von heute sein könnten. Doch nun ratet mal, möglichst ohne vorher weiter zu lesen, wann diese scheinbar zeitlosen Zeilen aus der Sicht eines später aus eigener Sicht außerordentlich erfolgreichen Pädagogen stammen?!

Vor zehn Jahren, zwanzig, fünfzig oder hundert? Oder doch erst vor kurzem?

Wer behauptet da, auf die richtige Zahl von sage und schreibe 152 Jahren gekommen zu sein?
Setzen, weil irgendwie gemogelt! *gg* Kompliment allen, die annähernd die richtige Jahreszahl erahnten.


••• Gründe, den über 150 Jahre alten Roman zu lesen •••

Vorweg, der Roman ist nur so gespickt von Vorurteilen, Schablonen und Stereotypvorstellungen der damaligen Zeit. Allerdings auch faszinierend, wie es gleichermaßen Katholiken, Deutsche, Flamen und Franzosen trifft, natürlich auch Frauen.

Trotzdem, ein kleiner Hauch des Strebens nach Emanzipation zumindest im beruflichen Bereich wird deutlich, auch wenn im trauten Eheglück der Mann Herr und Meister, selbst aus Sicht der Frau zu bleiben hat. Eine Frau ohne Mann hat ihrem Leben keinen Sinn gegeben, mag sie noch so tugendhaft gelebt haben. Einige Beispiele der unbeirrbaren Wertvorurteile werde ich etwas später noch zitieren.

Doch was spricht nun wirklich fürs Lesen des Romans?
Zu aller erst, einfach die bildhafte, sehr schön differenzierte Sprache, angereichert mit einem kleinen Französisch Kurs der Konservation. Doch keine Angst, am Schluss des Buches sind 107 Anmerkungen, in denen man die Übersetzungen der französischen Dialoge findet.

Der Roman stellt einen idealistisch verklärten Lebenslauf mit jeder Menge Romantik des "Professors" (Lehrers) William Crimsworth und seiner Schülerin und späteren Ehefrau Frances dar. Seine Laufbahn beginnt als Englischlehrer an einer Schule in Brüssel.
Bevor sich jedoch findet, was zusammengehört, müssen diverse mehr oder weniger gefährliche Anfechtungen für den jungen Lehrer erfolgreich überstanden werden.

Hilfreich sind dem englischen Junglehrer dabei seine protestantische Religion und sein britisches Naturell, um den bösen katholischen Versuchungen des Kontinents zu widerstehen.
Seine spätere Braut sehnt sich als Halbengländerin, Vater Schweizer, Mutter Engländerin, dann bei der Tante in Belgien aufgewachsen, auch nach der aufrechten protestantischen Lebensweise gebildeter Briten. Nun, wer sich in Vorurteilen und in gegenseitiger Attraktivität einig ist, passt zumindest in einem Roman zusammen und kann auch durch böse Intrigen einer mächtigeren Rivalin (Direktorin der Mädchenschule) nicht getrennt werden. *g*

Auf jeden Fall erwartet alle ein wunderschönes Happy-End, wobei dann die Ehejahre mit Geburt eines Sohnes nur noch einen recht kleinen Teil des Romans ausmachen, so wie in früheren Filmen mit der Hochzeit alles Wichtige abgeschlossen und das Lebensziel erreicht wurde.

Genug des Inhalts, gehen wir zur Schriftstellerin über.

••• Über die Verfasserin des romantischen Liebes- bzw. Schicksalsromans •••
(Quelle Klappentext des ars vivendi Verlags und Internetseiten)

"Charlotte Brontë (1816-1855) wuchs als älteste der drei schreibenden Brontë-Schwestern in der weltabgeschiedenen Pfarrei ihres Vaters in der kargen Hügellandschaft der einsamen Moore Yorkshires auf. Ohne Mutter und... sich weitgehend selbst überlassen, erhielten die Kinder nur sporadisch Unterricht. In ihrer Einsamkeit dachten sie sich umfassende Fabelwelten aus...
1842 nahm Charlotte B. ...an einem Sprachkurs in Brüssel teil. Dort unterrichtete sie am Pensionat Heger zwischen 1843 und 1844 und verliebte sich unglücklich in Monsieur Heger."

Ihr Roman "Der Professor" ist also die Verarbeitung dieser Erlebnisse (geschrieben 1846, erschienen posthum 1857), allerdings aus der Sicht des Lehrers geschrieben und mit einer erfüllten Liebe endend.

Auch in ihrem Roman Vilette versuchte sie ihre unerfüllte Liebe zu verarbeiten.
"Berühmt wurde sie jedoch durch veröffentlicht 1847 unter dem Pseudonym Currer Bell. Sie starb mit 39 Jahren an Tuberkulose, ein Jahr nach ihrer Eheschließung mit dem Pfarrer Arthur Bell Nichols.

Aus ihrem kurzen Lebenslauf erklären sich einige "Schwächen" des Romans. Ihr fehlten schlichtweg die eigenen Lebenserfahrungen, um hier realistischer schreiben zu können.

••• Beispiele zu angeblichen Nationaleigenschaften, Eigenschaften Frauen, Männer •••
S. 75 " Pelets Haus und Küche wurden von seiner Mutter geführt, einer echten, alten Französin. Sie war einst hübsch gewesen...Jetzt war sie hässlich, wie es nur alte Frauen auf dem Kontinent sein können..."

S. 78 " Im Allgemeinen nehmen sich die älteren Frauen auf dem Kontinent, oder doch zumindest die in Belgien, eine Freiheit der Manieren, der Rede und des Aussehens, vor der unsere (englischen) ehrenwerten granddames als absolut ungehörig und dem guten Ruf abträglich zurückschrecken würden..."

S. 245/246 "In der Vorstellung, der vorausschauende Beschützer des Menschen zu werden, den man liebt - ihn zu ernähren und zu kleiden, wie es Gott mit den Lilien auf dem Felde tut - darin liegt etwas, was der Stärke eines Mannes schmeichelt, was seinen ehrlichen Stolz in Schwingungen versetzt."

S. 247 "...keine jener auffälligen Defekte an den Augen, an den Zähnen, der Haut, der Figur, welche die Begeisterung auch des kühnsten männlichen Bewunderers von Intellektualität (weiblicher) im Zaum halten. Andererseits können Frauen (im Gegensatz zu Männern) auch einen ausgesprochen hässlichen Mann lieben, wenn er nur klug ist..."

••• Ausblick und Bewertung •••

Für die damalige Zeit entwarf Charlotte Brontë ein schon beachtliches Bild einer annähernd gleichberechtigten Partnerschaft von Mann und Frau in der Ehe.
Erschreckend allerdings die einzig möglichen Reaktionen auf Unterdrückung in der Ehe:
S.278 "Ich hätte versucht, das Übel eine Zeitlang zu ertragen oder es zu kurieren; und wenn ich es unerträglich und unheilbar gefunden hätte, hätte ich meinen Peiniger still und heimlich verlassen."
... "Der Tod würde mich bestimmt sowohl vor den erbärmlichen Gesetzen als auch vor deren Folgen schützen."

Die Anmerkung 103 weist darauf hin, dass im frühen 19. Jh. der Ehemann von Rechts wegen nahezu uneingeschränkte Macht über seine Frau, die Kinder und den Besitz hatte und eine Scheidung faktisch nicht durchsetzbar war. Auch für eine misshandelte Ehefrau war es so gut wie unmöglich, ihren Verhältnissen zu entfliehen.

Diesen Hintergrund muss man beim Lesen einfach berücksichtigen. Die ersten Seiten des Romans gefielen mir nicht so, doch etwa ab der Reise nach Brüssel (Kapitel 7) bis zum 25. Kapitel war es ein Ausflug in eine romantisch verklärte, idealisierte aber schöne, gefühlvolle Welt der Vergangenheit, zudem fast fortlaufend ein sprachlicher Genuss. Der Schluss mit der Erziehungsproblematik des kleinen Sohnes Viktor wirkt jedoch arg unrealistisch und irgendwie aufgesetzt, um auch dort einen versöhnlichen Abschluss zu erreichen.

Insgesamt würde ich den Roman allen romantisch veranlagten Lesern und allen eine differenzierte Sprache schätzenden Lesern empfehlen. Für mich war es ein literarisches Kleinod aus einer anderen Epoche.
Die Originalausgabe erschien 1857 unter dem Titel The Professor in London bei Smith, Elder & Co, mein Buch (302 Seiten) gehört zur 3. Auflage (1993) des 1990 im ars vivendi Verlag erstmalig in Deutschland herausgegeben Buches.

Bei Amazon gibt es den Roman broschiert im Insel-Verlag neu für 10,90 , gebraucht ab 5,90 Euro zu kaufen. Echte Fans kaufen den "Doppelpack" Der Professor und Vilette zu 27 Euro.
Meine Ausgabe, gebunden, kostet bei amazon 17,50, gebraucht ab 8,99 Euro.
4 Sterne verliehen die Amazon-Kunden diesem Buch.

Viel Spaß beim Lesen.

Erstveröffentlichung unter Volker111 bei CIAO am 09.11.02


Geschrieben am: 27. Nov 2002, 21:58   von: Volker111



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