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Übersicht > Reisen > Urlaubsziele > Afrika > Tunesien > Douz

    >> Vor- und Nachteile / Bewertung
Vorteile:
Existentieller Psychotrip, sieh zu, dass Du ihn nutzt.

Nachteile:
Nix für Pauschalurlauber.




DOUZ - So viel Wüste braucht der Mensch
Bericht wurde 1719 mal gelesen Produktbewertung:  sehr gut
Bericht wurde 1 mal kommentiert Berichtbewertung: 

Auf den ersten Blick ist DOUZ ein verpenntes Wüstenkaff am Rande der tunesischen SAHARA. Staubig, sandig und in den Sommermonaten unerträglich heiß. Von Juni bis September sinken hier die Temperaturen selbst nachts kaum unter 30° C. Für die tagsüber herrschende Gluthitze von ca. 55° C sind wir Nordeuropäer weder tauglich noch geschaffen. Die ideale Reisezeit für diesen heißen Wüstenflecken sind die Monate Oktober bis Mai.

In DOUZ fängt die SAHARA an und das gleich richtig - ohne Vorspiel, ohne Vorwarnung, ohne Fisematenten. DOUZ ist für uns Nordeuropäer das nächst gelegene Eingangsportal zu den endlos scheinenden Weiten dieser größten Wüste unseres Planeten. Über fünftausend Kilometer erstreckt sich die SAHARA vom Atlantik bis hin zum Roten Meer. Durchschnittlich eintausendsechshundert Kilometer sind es immerhin von Norden bis nach Süden. Zwölf Anrainerstaaten teilen sich das fragwürdige Vergnügen ihrer Bekanntschaft. Die gesamte Südhälfte Tunesiens wird von der Sahara in Beschlag genommen. Doch der tunesische Anteil an der Sahara ist nur ein winziges Zipfelchen und beträgt noch nicht einmal 1% von ihrer gewaltigen 9 Millionen Quadratkilometer großen Grundfläche. Hier in Tunesien nennt sie sich LE GRAND ERG oder auch ERG ORIENTAL.

Die Sahara wächst immer noch, wird größer und schiebt sich unaufhaltsam gen Norden. In DOUZ versucht die tunesische Regierung, das Voranschreiten der Ver-Wüstung aufzuhalten. Sandwehen aus geflochtenen Palmwedeln sollen der allmählichen Versandung Einhalt gebieten, ähnlich wie Schneewehen bei uns in den Alpenregionen - vergeblich. Schnee schmilzt, die Versandung bleibt. Jedes Jahr verschlingt, erdrückt und rafft die SAHARA weitere Areale fruchtbaren Ackerlandes hinfort.

Nach DOUZ kommt man wohl kaum des Städtchens wegen. DOUZ selbst hat nicht viel zu bieten. Die Anfahrt aus dem 30 Kilometer nördlich gelegenen KEBILI stellt die einzige Zufahrtsstrecke dar, wenn man mit einem normalen Mietwagen nach DOUZ kommt (teuer: DM 90 - 300 pro Tag). Für alle anderen Zufahrtswege ist ein Vierradantrieb unerlässlich. Auf dieser reizvollen Strecke vollzieht sich eine beeindruckende landschaftliche Veränderung. Noch bei KEBILI flimmert der mit seinen flirrenden Fata Morganen reich gesegnete CHOTT EL DJERID, jener gefährlich ausgetrocknete Salzsee, der Dich mit seinen trügerisch verkrusteten Salzmorasten verschlingen kann und der fast zehn mal größer als der Bodensee ist. KARL MAY hatte ihn zwar nie zu Gesicht bekommen, den CHOTT, aber dennoch beschrieb er realistisch die Gefahren, die auch heute noch bestehen, wenn man sich mühsam DURCH DIE WÜSTE wagt. Ganz allmählich weicht der CHOTT und macht kleineren Sandverwehungen Platz, die sich alsbald zu zögerlichen Dünenketten mausern. Mühsam am Leben gehaltene Dattelpalmenhaine säumen die Straße, bis man schließlich auf dem PLACE DES MARTYRS auch schon im Zentrum von DOUZ angekommen ist.

Ursprünglich bin ich eher beiläufig und nur deshalb nach DOUZ gekommen, um einen halbwegs bequemen Zugang zur SAHARA zu finden. Mein erster Kontakt mit diesem TOR ZUR SAHARA vollzog sich also unbeabsichtigt und zwangsläufig. Doch inzwischen ist DOUZ zu einer absoluten Wertvorstellung für mich avanciert. Ich war inzwischen sieben Male hier. DOUZ ist der geeignetste Ausgangspunkt, das prädestinierte Basis-, Einstimmungs- und Erholungslager für einen bevorstehenden Saharatrip. Mit seinem verpennten Wüstencharme und seinem idyllischen Oasencharakter zwingt mir diese 2000 Berberseelengemeinde jenen Lebensrhythmus auf, den ich mir zwangsläufig aneignen muss, bevor es in die Sahara geht. Hier geht alles bedächtig langsam von der Hand. Keine Hektik, kein Stress, und Inschallah wird groß geschrieben. Mit dem Gleichmut einer Wanderdüne lebt man hier von Tag zu Tag. Donnerstags ist Kamelmarkt. Berber und halbnomadisch lebende Angehörige des Marazig-Stammes strömen dann aus allen Himmelsrichtungen herbei und bieten neben Dromedaren Schafe, Ziegen, Hühner feil. Der Kamelmarkt wird in einem eigenen Areal, ungefähr einen Kilometer abseits vom Zentrum, abgehalten. Der Gemüse- und Gewürzmarkt findet auf dem zentralen, von Arkaden gesäumten Marktplatz statt. Beides gleichermaßen orientalisch pittoresk. Exotische Düfte, unumgängliches Feilschen (gewöhnungsbedürftig), Henna, Jasminsträußchen und Flakons mit betörenden, die Sinne benebelnden Essenzen aus 1001 Nacht – alles ganz schön fremdartig hier, wo man nur geht und steht.
Doch das Fremdeste in dieser Fremde ist der Fremde, der diese Fremde mit seiner Fremdheit befremdet – der Urlauber.

DOUZ besteht aus der Altstadt und etwa 4 Kilometer außerhalb entfernt, dort, wo die erste große Saharadüne, EL HOFRA, so ihr Name, sich erhebt, liegt die "Zone Touristique" mit einer handvoll Drei- und Vier-Sterne Hotels. Letztere werden ausschließlich von Reiseunternehmen angefahren, die hier, von den Touristenzentren des Nordens oder von der Insel Djerba her kommend, Busladungen von gehetzten Rundreise-Pauschaltouristen abladen. Diese stürzen sich sogleich in die riesigen Schwimmbecken der hoteleigenen Pools. Das Wasser wird den Oasen abgezwackt. Eine ökologische Sünde an der Natur und den hier ums Überleben kämpfenden Dattelbauern.

Für den Individualreisenden und Rucksacktouristen bietet sich jedoch eine zwar weniger luxuriöse, aber dafür um so kommunikativere Möglichkeit der Unterbringung wie auch der weiteren Reiseplanung an. In der Altstadt gibt es drei kleine Privathotels. Ich kenne sie alle, das LA TENTE, das ESSADA und das flache, einstöckige BEL HABIB DU 20 MARS. Letzteres ist mein unangefochtener Favorit. Unscheinbar von außen, bietet es dem Gast einen haziendaähnlichen Innenhof, von dem die einzelnen Zimmerchen (winzig und spartanisch) abgehen. Das Hotel wird von drei schwarzafrikanischen Brüdern geleitet, Flüchtlingen des malinesischen Bürgerkriegs. Die Übernachtung mit Frühstück kostet umgerechnet etwa 16 Mark. Einige wenige Zimmer haben eine vorchristlich anmutende Dusche, verrostet, tröpfelig und völlig unbrauchbar. Die zwei neuen Gemeinschaftswaschräume sind mit ihren jeweils drei funktionierenden Duschen penibel sauber nach "Hommes et Femmes" getrennt. Der Duschboiler steht auf dem Flachdach und wird mit Solarstrom betrieben. Früh aufstehen lohnt sich, sonst ist das Wasser alle. Den Letzten beisst der Wüstenfuchs – le fenec.

Vom Flachdach aus (Holzleiter) hat man einen phantastischen Blick auf den Sonnenuntergang hinter der Dattelpalmenoase. Das weiß hier jeder. Hier oben trifft man sich bei Tagesneige und lernt andere Tagebuch oder Postkarten schreibende Hotelgäste kennen, bevor man dann zum gemeinschaftlichen Couscous in den gedeckten Innenhof hinunterklettert. Jeder lernt hier jeden kennen. Das hat Methode im BEL HABIB DU 20 MARS. Hier verabredet man sich für gemeinsame Expeditionen. Hier kommen "die Alten" von ihrem Saharatrip zurück und berichten "den Neuen" von ihren Erlebnissen, sprechen Empfehlungen und Warnungen aus. Hier wird artikuliert, was wer vorhat, wer was unternehmen will. Hier werden Saharapläne geschmiedet. Ein 4-Wheel-Jeep mit Fahrer und Saharaführer (Pflicht) kostet so um die 400 Mark pro Tag. Kein Wunder also, dass sich kleine Grüppchen organisieren und jeweils zu viert bis sechst gemeinsame Fahrpläne und Marschrouten abstecken. Die Menschen, die ich hier bei jedem meiner Besuche kennen und schätzen gelernt habe, hatten alle eines gemeinsam: Sie sind allesamt Individualisten, Exzentriker und Wüstenfreaks in Personalunion. Ich befinde mich hier also in bester Gesellschaft.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Mehrfach erlebte ich hier schon Europäerinnen, eine Schweizerin, eine Schwedin, eine Deutsche und eine Dänin, um genau zu sein, allesamt alleinreisend, alle ganz verzweifelt, eine gar in Tränen aufgelöst. Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Wirre Weiber. Was war passiert?

Einer der drei malinesischen Brüder hat mir die Hintergrundgeschichte einmal erzählt. Es soll einmal in einem Reiseführer ein Bericht gestanden haben, demzufolge drei junge, schwarze, starke, malinesische, gut aussehende und vor allem liebestolle Brüder ein kleines charmantes Privathotel namens BEL HABIB DU 20 MARS in DOUZ führten. Seit der Veröffentlichung dieses Reiseführers gingen die Geschäfte gut. Dass die Drei glücklich verheiratet sind und mit zahlreichen Kindern und Ehefrauen ein komplettiertes Familienleben führen, verschwieg besagter Reiseführer ebenso, wie die Tatsache, dass keiner der drei Brüder ein promiskuitives Bedürfnis pflegt. Nun trug es sich aber zu, dass andere Reiseführer von dem originären ersteren abschrieben. Kurzum, die Mähr von den drei liebestollen Brüdern multiplizierte sich, und ebenso multiplizierte sich im Laufe der Jahre die Zahl der, nun ja, wie soll ich sie nennen, ....Suchenden, die hier mit jenen nackten Tatsachen konfrontiert und desillusioniert wurden, die ihnen der Reiseführer verschwieg. Erstaunlich, wie das geschriebene Wort eines Reiseführers Sehnsüchte über Kontinente hinweg zu evozieren vermag. Erstaunlich mit anzusehen, zu welcher Projektionsleistung die menschliche Psyche imstande ist. Peinlich, miterleben zu müssen, wie mannstolle Nordeuropäerinnen in Gegenwart der malinesischen Ehefrauen um deren Männer buhlen.

Ein pensionierter Pilot der Alitalia erfüllte sich in DOUZ seinen Lebenstraum. Er betreibt im Alleingang einen kleinen Privatflugplatz. Alle zwanzig Minuten ein Start und eine Landung. Immer nur ein einziger Passagier. Im Huckepackverfahren können bei ihm in der Nähe der großen EL HOFRA Düne motorisierte Ultraleichtflüge unternommen werden. Der pensionierte Alitalia-Pilot steuert das Fluggerät. Der Fluggast vermummt sich in einem dicken, schlafsackähnlichen Fliegeroverall, setzt sich auf eine traktorähnliche Sitzschale, wird angeschnallt - und schon geht's los. Umgerechnet 75 Mark kostet der zwanzigminütige Spaß, und wenn mehrere Interessenten gemeinsam buchen, gibt's satten Preisnachlass - bis zu 45%. So imposant wie aus dem knatternden Tiefflug sah ich die Wüste nie zuvor. Am schönsten ist so ein Hanggliderflug am späten Nachmittag, sobald die Dünen lange Schatten werfen. Die Wüste wirkt dann plastischer und dreidimensionaler. Gefährlich? Und wenn schon. Ein gewisses Maß an Fatalismus bringt wohl jeder Wüsteninteressierte mit. Und sollten alle Stricke reißen, vergrabt, verscharrt mich ganz getrost am Fuße einer Wanderdüne.

Einmal im Jahr erwacht DOUZ aus seiner sympathischen Wüstenlethargie. In der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr findet alljährlich das FESTIVAL INTERNATIONAL DU SAHARA statt. Hier feiert sich die Nomadenkultur mit Dromedarrennen, Tänzen, Paraden, Schaukämpfen, Schwerterakrobatik, Fantasias und Musikdarbietungen selbst. Besonders angetan haben es mir die Windhundrennen. Die Berber sind ganz wild nach ihren sandgrau, schlaksig schlanken Sloughis. Ein fitter Sloughi ist für einen Berber ein Aushängeschild, ein Statussymbol, wie bei uns das Automobil. Das Festival ist enorm farbenprächtig, aber auch teuer. Die Hotelpreise können sich in dieser Zeit vervierfachen und ohne Voranmeldung ist weit und breit keine Bleibe zu finden. Wenn man nur um der Sahara Willen nach DOUZ kommt, sollte man die Zeit um dieses Festival herum ebenso tunlichst meiden wie den gesamten Ramadan.

Am Fuße der EL HOFRA Düne warten während der Saison rund 500 Kamele auf pauschaltouristischen Ausritt. Die tunesischen „Wüstenschiffe" sind allesamt einhöckerig; es sind Dromedare. Die Zweihöckerigen heißen "Trampeltiere" und kommen nur in Asien vor. Der Überbegriff, der Gattungsbegriff für beide Spezies, ist der des Kamels. Kurz vor Sonnenuntergang treffen hier massenweise Buskonvois ein. Jetzt heißt es umsatteln. Mann, Frau, Kind, Kegel raus aus dem Bus und rauf aufs Kamel. So geht das Bus für Bus. Merkwürdigerweise wird die Sitzordnung der Busse auch in der Kamelformation meist beibehalten. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, müssen die Kamele denken. Das muss alles ziemlich flott vonstatten gehn, will man in zehn Minuten zum Sonnenuntergang auf der Düne sein. Dort angekommen setzen sich die Kamele auf ein Kommando des Kamelführers hin und Mann, Frau, Kind, Kegel steigen ab. Man ist geschafft, man hat's geschafft. Oh, diese Hitze. Die Kameltreiber offerieren Coca Cola. Mann, Frau, Kind, Kegel greifen in der arglosen Annahme dankbar zu, das sei im Preis mit inbegriffen. Irrtum: Die Miniflasche schlägt mit 4 Mark satt zu Buche, die doch überall sonst in Tunesien nur 5 Zehnerl kostet. Das kann einen ja glatt auf die (nextgelegene) Palme treiben.

Nachdem der alltägliche Sonnenuntergang mit „Oooohhhhs" und „Aaaahhhhhs" und "ist das nicht schön?" allseits würdigend kommentiert wurde, endet für den Pauschaltouristen die Wüstenexkursion mit dem Abtrieb von der Düne. Mann, Frau, Kind, Kegel runter vom Kamel und rein in den Bus.
So, jetzt kennen wir die Sahara.
Sind alle wieder da?
Jaaahaaa!
Ok, wir können - Abfahrt!
Nächstes Ziel.
Die Busse entschwinden genau so schnell mit ihrer kostbaren Devisenfracht, wie sie erschienen waren. Jetzt wird es still.

Wir alle glauben, in der Sahara wehe ständig ein Lüftlein, und wenn denn schon kein Sandsturm wütet, so müsse doch zumindest ein leiser Windzug hörbar sein. Wir sind es aus Filmen so gewohnt, die zwangsläufig die Tonspur mit einer Grundatmo belegen müssen. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus und hört sich völlig anders an. Die Sahara ist stumm. Totenstille ist ihr Metier. Sie lässt Dich selbst verstummen. Wie ein großer Schwamm saugt sie die Töne auf, gleich einem akustisch toten Raum. Kein Echo, keine Resonanz, kein Laut, den diese Wüste von sich gibt. Sie ist bestenfalls der Klangkörper gespenstisch anmutender Stille. Das Einzige, was man noch hören kann, das ist der Pulsschlag in den Ohren. Selbst die hier lebenden Tiere sind vollends verstummt, ums nackte Überleben willen. Der Skarabäus wälzt unwahrnehmbar lautlos seine Kamelkotpillen durch die Dünung. Die hier lebenden Schlangenarten zischen, fauchen, klappern nicht und lautlos schnell schnellt selbst der Skorpion seinen Stachel voller Gift in seiner Feinde Fleisch. Die Wüstenspringmaus ist Mucksmäuschen still. Nur nicht auffallen ist die Devise. Sich nicht verraten. Wer sich zur saharesken Stille voll bekennt, lebt deutlich länger.

Sie will etwas von uns, sie fordert etwas ein. Sie absorbiert die Töne und rafft sich Wasser, woher sie's immer kriegen kann. Unablässig saugt sie an unseren Poren. Im Sommer braucht der Mensch pro Tag vier Liter Wasser hier. Man schwitzt es nicht heraus, man evaporiert durch jede Pore stetig bis zum Zustand der mortalen Dehydrierung hin.

Ich habe mich schon oft gefragt, wie ich mir meine Wüsten-Faszination erklären kann. Weshalb hat es mir diese unwirtlich feindselige SAHARA so angetan? Was macht diese magische Anziehungskraft aus, welche die Sahara jedes Mal erneut auf mich ausübt? Mit Begriffen wie "Naturschönheit" allein ist diesem Phänomen nicht beizukommen.

Ist's das Licht in dieser Welt ganz ohne Grün? Die visuelle Wirkung der Sahara ist ungeheuer lichtabhängig. An einem trüben Tag ist's hier genau so trostlos wie in Pirmasens – alles grau in grau. Knallt die Sonne jedoch erbarmungslos herunter, dann sieht man Farben von bisher ungesehener Intensität. Darf Blau so blau sein oder ist das schon obszön? So gelb kann Gelb sein, von Röte ganz zu schweigen. Ist die Sahara nur ein Trugbild ihrer Beleuchtung? Die steile Sonneneinstrahlung, die aufgrund der geringen Luftfeuchtigkeit nahezu spektral ungefiltert bis zu uns herabgelangt, duldet keine Pastelltöne. Intensiv gesättigte, saturiert knallbunte Farben springen Dir ins Auge. Das Gelb von Yello, der niveablaue Himmel, die Röte des Rots von Technicolor, hier sind sie echt. Die WAHRNEHMUNG dieser Landschaft löst im Wahrnehmenden etwas aus, setzt was in Gang, bewirkt etwas - aber was?

Zwei typische Sahara-Wahrnehmungen:
Weit und breit ist nichts zu sehen und nichts zu hören. Doch plötzlich ist da was, wie aus dem Nichts. Das können zwei Nomaden sein, die aus dem Nirgendwo erschienen. Sie gucken, lugen und begaffen Dich durch ihre Schleier. Du senkst den Blick und überlegst: Vermummte Sandmenschen, gibt es das? Schaust Du ein zweites Mal, so sind sie weg. War das nun echt, oder wurdest Du das Opfer einer trügerischen Fata Morgana?
Nur die Sonne war Zeuge.

Oder:

Du wähnst Dich ganz allein und fernab jedweden anderen Geschöpfs. Seit Tagen bist Du keiner einzigen Menschenseele mehr begegnet. Und plötzlich wie aus heiterem Himmel hockt da einer auf ner Düne. Ein Kamelhirte, dessen Umrisse sich aus der gleißenden Umgebung nur schwach zu erkennen geben. Du grüßt ihn. Doch er nimmt Dich nicht wahr als sei man selber nur aus ephemerer Luft. In stoischer Abwesenheit verharrt er wie in katatonem Stumpfsinn zeitlos festgewurzelt ohne Schatten.

Wenn immer da was ist, dann fällt es auf, zieht alle Aufmerksamkeit auf sich und lädt Dich ein, es zu betrachten. Unsere Wahrnehmung wird reduziert – auf nackte Neugier. Wir werden sensibilisiert für das Wesentliche - auf uns selbst. Wir werden neugierig, uns selbst neu zu entdecken.

Da stehe ich in der Sahara, am Arsch der Welt, ohne Handy, unerreichbar, abgeschieden und menschenseelenallein. Ich betrachte einen morschen, abgestorben Baum. Beiläufig setze ich das Sucherokular meines Photoapparats ans Auge und kadriere vorsorglich das Motiv. Wäre es ein gutes Bild? Wofür steht es? Finde ich es interessant? Was stellt es für mich dar? Den Auslöser betätigen, ja oder nein? Seit wann leide ich an einer Abulie, dem krankhaften Unvermögen, Entscheidungen treffen zu können? Ich ringe mit Argumenten, oder besser, sie fehlen mir. Ich bin mir völlig unschlüssig, ob ich den toten Baum nun überhaupt ablichten soll oder nicht. Wozu eigentlich? Da huscht mir eine Frage durch das Hirn:
Ist dieser tote Baum es wert bewahrt zu werden?
K - L - I - C - K.

Die Sahara reinigt die Sinne, meine zumindest.
Im bundesdeutschen Alltag erlebe ich mich oftmals visuell vergewaltigt. Verlasse ich auch nur das Haus, um zum Bäcker zu gehen, so springen mich zahlreiche Werbeplakate an, buhlen Werbebotschaften von Taxis, Straßenbahnen und Litfasssäulen. Jeder Quadratzentimeter sichtbarer Zivilisation scheint als Werbefläche genutzt und verhunzt zu werden. Der direkte Blick auf das Wesentliche unserer Welt wird mir verstellt durch Symbole, Pseudo-Botschaften und Appelle, die mich fortwährend anblöken und mich zu irgend einem konsumkapitalistischen Verhalten animieren wollen: Kauf mich, klick mich, drück mich, lies mich, wähl mich, konsumier mich - leck mich. Spätestens jetzt wird mir klar, dass meine Sinne einer Fasten- und Entschlackungskur bedürfen.

Die SAHARA als optische Fastenzeit. Die hier vorherrschende Existenzform ist das Nichts, die Leere, die Substanzlosigkeit von Raum und Zeit. In diesem Nichts, da bist Du nur Du selbst. Hier kannst Du Dich gleichermaßen sammeln, finden wie auch verlieren. Ja, Raum und Zeit stellen hier eine Art psychisches Vakuum dar. Meine Gedanken können sich hier schwerelos mit Inhalten beschäftigen, die mir ansonsten durch Ablenkungen, Verblendungen und Scheinwichtigkeiten verstellt sind oder vorenthalten bleiben. Die photographische Motivsuche in der Sahara hat mich für diese KRAFT DES NICHTS sensibilisiert und mir eine wertvolle Einsicht beschert:
DIE SAHARA MONUMENTALISIERT DAS NICHTS,
BIS ES ZUR IKONE WIRD.

Unter

http://community.webshots.com/album/7387441XcCBERWqog

habe ich 30 Fotos in Form eines virtuellen, digitalen Fotoalbums gepostet, die allesamt in und um Douz herum entstanden sind. Du kannst die Thumbnail-Bilder in vergrößertem Darstellungsformat zur Ansicht bringen, indem Du jeweils eines der Thumbnailbildchen anklickst. Tu es Dir an, der Formen und der Farben wegen. Lass Dich entführen in die Schönheit dieses Nichts.

Diese Ikonen des Nichts üben auf mich eine archetypische Wirkung aus, wie universelle Traumbilder, abstrakte Hieroglyphen der Seele, dem katathymen Bilderleben gleich. Da ist zum Beispiel eine riesige Sanddüne: Einerseits bombastisch in ihrer Erscheinung, auf der anderen Seite minimalistisch in ihrer grobflächig überschaubaren Struktur. Einfache Formen, klare Linien - die Natur als Künstler. Die Sahara als Meister der Abstraktion. Dünenstrukturen und Windspiele, die ihre Spuren in chaotisch unvorhersehbaren Sandmustern hinterlassen.
Die Symmetrie der Leere, die Ästhetik des Nichts.

Ich habe in der Sahara mehrfach Menschen erlebt, die bei ihrem ersten Wüstenkontakt Angstzustände entwickelten. Keine Realängste, wie etwa verloren zu gehen, zu verdursten oder gar einen Hitzschlag zu erleiden. Nein, weitaus fundamentalere, irreale Ängste, ausgelöst durch das Zurückgeworfensein auf sich selbst. Damit kommt manch einer nicht klar.
Nicht die Angst, verloren zu gehen, sondern verloren zu sein.

Die Wüste reduziert uns auf das Wesentliche, auf uns selbst und unsere Wahrnehmung. Damit muss man umgehen lernen und können. Hier werden wir auf unsere Basisbefindlichkeiten und unsere wirklichen Bedürfnisse zurückgeworfen:
Hunger, Durst, Denken, Fühlen, Wachsein, Wahrnehmen, Müdigkeit und Schlaf.

Die Sahara ist eine Seelenlandschaft.
Über sieben Dünen musst Du gehen.
Hinterm Horizont geht's weiter.

Kein Wunder, dass es den KLEINEN PRINZEN des ANTOINE DE SAINT-EXUPÉRY hierher verschlagen hatte. Fundamentale Existenzfragen drängen sich Dir auf: Woher kommst Du, wer bist Du, was willst Du und wohin gehst Du? Manch einer erwartet vergeblich Antwort von der Religion. Ich finde sie ein jedes Mal erneut in der SAHARA bei DOUZ. Die Sahara ist für mich ein Spiegel für die Seele. In der Sahara findest Du entweder Dich selbst, oder aber gar nichts.


Geschrieben am: 21. Aug 2001, 12:38   von: RudiRe



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